Ist das Jugendwort des Jahres sinnvoll?

Das Jugendwort des Jahres ist häufig selbst für viele Jugendliche en Fremdwort (Quelle: Bigstock-ID-59473796-by-dolgachov)

Gammelfleischparty“, “hartzen“, “Niveaulimbo“, “Swag“, “YOLO“, “Babo” und schließlich “Läuft bei dir” – neben ihrem ungewöhnlichen und für reifere Zeitgenossen nahezu unverständlichen Charakter verbindet diese Formulierung ihre jeweilige Kür zum Jugendwort des Jahres in chronologischer Reihenfolge.

Was steckt hinter dem Jugendwort des Jahres?

Diese Auszeichnung umgibt eine Aura der Seriosität, die ihr von der, seit 1977 durch die Gesellschaft für deutsche Sprache initiierte, Wahl zum Wort des Jahres beziehungsweise dem Unwort des Jahres, welches seit 1994 durch eine Jury der Goethe-Universität in Frankfurt am Main ernannt wird, entgegenkommt. Das Jugendwort des Jahres hingegen ist im Vergleich zu seinen akademischen Vorläufern eine Initiative, die im Jahre 2008 unter maßgeblicher Beteiligung der Langenscheidt GmbH & Co. KG ins Leben gerufen wurde. Des Weiteren wird die Wahl durch die Jugendmesse YOU sowie die beiden Zeitschriften für Jugendliche yaez und Mädchen unterstützt.Der Ablauf der Wahl
Dabei handelt es sich bei der Wahl des Jugendwortes nicht um eine repräsentative Befragung ausgewählter Vertreter gewisser Altersgruppen oder Regionen oder Ähnlichem. Stattdessen können ganzjährig Vorschläge im Internet eingereicht werden, von denen dreißig Formulierungen in der Mitte des Jahres für drei Monate zu einer Online-Abstimmung stehen. Problematischerweise erfolgte diese ohne Anmeldung. Jede Person kann also so oft abstimmen, wie sie möchte, was das Ergebnis schon in dieser Ebene massiv verfälscht. Besonders im Jahre 2014 wurden breit angelegt Manipulationsversuche bekannt. Im Anschluss werden die fünfzehn Favoriten schließlich einer Jury vorgelegt. Das letztjährige Jugendwort kürten Jugendliche und professionelle Erwachsene in einem Alter zwischen 13-59 Jahren. Auswahlkriterien für die Top 5 sind hierbei:

  • sprachliche Kreativität
  • Originalität
  • Verbreitungsgrad des Wortes
  • Bezug zu gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen
Die Rangfolge des Jahres 2014 lautete letztendlich:
  1. Läuft bei dir
  2. Gönn dir!
  3. Hayvan
  4. Selfie
  5. Senfautomat

Sinn der Wahl zum Jugendwort des Jahres

An das Wort des Jahres stellt die Gesellschaft für deutsche Sprache den Anspruch, “auf ihre Weise einen Beitrag zur Zeitgeschichte dar[zustellen].” Dementsprechend ausführlich fallen auch die betreffenden Begründungen aus. Das Unwort des Jahres steht sogar unter dem dezidierten Motto “Sprachkritische Aktion” und ist bestrebt “das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung zu fördern.
Beiden gemein ist, dass die quantitative Anzahl der Unterstützer außerhalb der Jury keine Bedeutung hat, sondern es eine ausschließlich qualitative Wertung gibt. Somit tragen beide Initiativen dezidiert zur allgemeinen Sprachbildung bei. Schon durch die eigene Namensgebung begibt sich das Jugendwort des Jahres formell in diese Tradition, ohne sie inhaltlich auch nur im geringsten einlösen zu können. Die banale Begründung des letzten Preisträgers lautete so schlichtweg, dass er „einfach perfekt eine für Jugendliche typische Situation“ beschreibe. Interessante Hintergründe, wieso zum Beispiel das allgemein bekannte “Selfie” speziell als Jugendwort gelte oder wie es sich erklären lässt, dass mittlerweile türkische Formulierungen einen gehobenen Stellenwert in der Sprache einnehmen, werden nicht geliefert. Seitdem stichprobenartige Proben des Spiegels ergaben, dass die Mehrzahl der Jugendlichen die meisten Gewinner nicht kannte oder nicht wirklich für exponiert erachtete, stellte sich wiederholt die Frage, welchen Sinn diese ganze Veranstaltung überhaupt ergibt. Mittlerweile verzichtet jedoch sogar selbst die Redaktion von Langenscheidt in ihren Pressemitteilungen auf die Schilderung ihrer ursprünglichen Motivation: “Ziel und Idee des Wettbewerbs ist es, die Kreativität der oftmals schnelllebigen Jugendsprache zu präsentieren und jährlich neu zu dokumentieren.”

Jugendwort und -sprache als Vermarktungsstrategie

Der rasante Wandel der Jugendsprache und ihrer Begrifflichkeiten kommt der Marketingabteilung des Verlagshauses dabei ungemein entgegen. Praktischerweise gibt der Verlag, der in letzter Zeit vor allem durch den krampfhaften Versuch, sich juristisch, sein Corporate-Identity-Gelb zu sichern, in die Schlagzeilen geriet, neben bekannten Fremdsprachenwörterbüchern, Grammatikratgebern und Lernhilfen auch das alljährlich erscheinende Nachschlagewerk “100 Prozent Jugendsprache” heraus. Die Tatsache, dass die Wahl des Jugendwortes nur ein Werbemittel darstellt, wurde in den letzten Jahren wiederholt kritisiert, wäre aber durchaus noch zu verzeihen und eher den üblichen Methoden im Konkurrenzkampf zuzurechnen. Brisant sind eher die Teilnahmebedingungen beim Einreichen neuer Wortvorschläge. Dort wird zum einen die Zustimmung zur “unentgeltlichen Veröffentlichung deines Beitrages im Forum” verlangt und darüber hinaus “haben die besten Einreichungen zudem die Chance, in der jährlichen Ausgabe des Buches “100% Jugendsprache“ zu erscheinen.” Also werden Kinder und Jugendliche mit Euphemismen dazu motiviert, gratis die Recherche für einen der Verkaufsschlager von Langenscheidt zu übernehmen. Einfacher hat Verwertung von Engagement wohl selten funktioniert. Die einzige Motivation hinter dem Jugendwort des Jahres entpuppt sich also als Profitstreben.

Ausblick des Niedergangs

Wahrhaft traurig an der Wahl zum Jugendwort des Jahres ist letztendlich, dass einer der größten Verlage Deutschlands, mit einer beeindruckenden Tradition der Sprachbildung, einen derartigen Verrat an der Sprache begeht. Weitere Beispiele der Produktpalette, wie “Katze-Deutsch/Deutsch-Katze” oder “Lehrer-Deutsch/Deutsch-Lehrer”, zeigen eindrucksvoll, dass Seriosität und professionelle Verbindlichkeit keine Tugenden im Verlagswesen mehr sind. Auch der Duden reiht sich in diesen Niedergang souverän ein, indem nahezu alles, was ursprünglich als orthografisch oder grammatikalisch falsch galt, von der Redaktion in das Werk aufgenommen wird, wenn es nur lange und breit genug verwendet wurde. So gilt heutzutage die Formulierung Atlasse neben dem korrekten Atlanten als legitimer Plural des Atlas. Die reine Dokumentation und Vermarktung eines als “Jugendwort des Jahres” legitimierten Soziolekts ohne Reflexion seiner Hintergründe und Interpretation seines Wandels arbeitet der fortschreitenden Verrohung und Grobheit der sprachlichen Gestaltungen und Ausdrucksformen zu.

 

Bildquelle: Bigstock-ID: 59473796 by dolgachov

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