Sprachwandel

Sprache ohne Sprachwandel? Sprache ohne Variation, ohne Abwandlungen, ist nicht denkbar. So sind Sätze nie vollständig gleich, zum Beispiel weil die Sprechweisen von zwei Personen sich unterscheiden oder die Situationen, in denen der Satz gesprochen wird, andere sind. Diese so genannte Sprachvariation stellt eine Momentaufnahme von Sprache dar.

Variation mit der Zeit

Sprache ändert sich jedoch auch mit der Zeit und entwickelt sich historisch. Dies ist der Sprachwandel – und er gehört ebenso zum Wesen von Sprache wie die Sprachvariation.

Zwei Beispiele sollen dieses Phänomen von einer eher ungewöhnlichen Seite erläutern:

  • Oft wird dieser Sprachwandel von den Zeitgenossen negativ wahrgenommen, bekannt sind die Klagen über das “Denglisch” und die vielen englischen Worte, die Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben. Eine Lehrerin, die seit den 1990ern für 15 Jahre im Ausland lebte und nur im Jahr ein bis zwei Wochen Deutschland besuchte, kannte beispielsweise das Wort “Shoppen” gar nicht – 1990 hatte man dazu noch profan “einkaufen” gesagt. Die Lehrerin hatte also die in diesen Jahren in Deutschland “schleichend” stattfindende Änderung von “einkaufen gehen” zu “shoppen” nicht miterlebt, so dass sie dies schon eher als eine abrupte Sprachrevolution empfand.

Das zweite Beispiel illustriert ebenfalls, wie tiefgreifend Sprachwandel sein kann:

  • Eine deutschstämmige 70-Jährige fragte ein junges deutsches Mädchen, das
    Sprachwandel wird auch durch neue Kulturen und Migrationshintergründe gefördert

    Sprachwandel wird auch durch neue Kulturen und Migrationshintergründe gefördert

    in Südamerika Urlaub machte, in akzentfreiem Deutsch: “Wie geht es Euch?” – die beiden waren allein im Raum. Im heutigen Deutsch hätte man natürlich “Wie geht es Dir?” sagen müssen. Eine Erklärung könnten die familiären Hintergründe – oder Neudeutsch: der Migrationshintergrund, ein Ausdruck, der erst seit etwa zehn Jahren in den deutschen Wortschatz Eingang gefunden hat – bieten: Sie war in Südamerika geboren, konnte jedoch nicht einen einzigen fehlerfreien spanischen Satz formulieren. Ihre Eltern waren in den 1920er Jahren ausgewandert. Die Familie stammte aus einer abgelegenen, ländlichen süddeutschen Region – und das scheint ebenfalls wichtig: Sie gehörte einer kleinen freikirchlichen Gemeinde an, die in Deutschland und später mehr noch in Südamerika isoliert von der Mehrheitsbevölkerung lebte.

Auch Anfang des 20. Jahrhunderts war es in Deutschland durchaus nicht mehr üblich, in der oben geschilderten Situation “Ihr”/”Euch” zu verwenden. Anders kann dies übrigens in der ländlichen Umgebung Bambergs sein: Dort ist noch die sehr traditionelle Anrede “Ihr”/”Euch” statt “Du” oder “Sie” möglich. An der alten Frau in Südamerika waren jedenfalls mehr als nur ein Jahrzehnt Wandel der deutschen Sprache spurlos vorübergegangen.

Der Sprachwandel ist überall

Diese Beispiele illustrieren, wie wichtig und auch wie unausweichlich es ist, dass sich Sprache ändert und anpasst. Dabei können alle sprachlichen Ebenen und Facetten betroffen sein: von der Grammatik über die Schreibweise (um 1900 war “Thür” noch die völlig normal Schreibweise für “Tür”) und die Aussprache bis hin zu Bedeutungsänderungen, Neuerungen im Wortschatz (Neologismen wie “Migrationshintergrund”, “canceln”) und dem sprachlichen Umgang (“Du” statt “Ihr”).

Warum verändert sich Sprache?

Die Gründe für Sprachwandel können vielerlei Art sein: So ist es beispielsweise ökonomischer, wenn Worte verkürzt werden, zum Beispiel bei SMS “vllt” statt “vielleicht” zu nutzen.

Oft verändern andere Kulturen und Einwanderer die Sprache oder die eigene, gewohnte Sprache reicht nicht aus, um Neues auszudrücken. Dies ist besonders deutlich bei dem gesamten Wortschatz, der sich um Internet und Computer dreht – diese Sprachwelt ist ohne das Englische nicht mehr auszudrücken, zum einen weil dies der Sprachraum ist, aus dem diese Welten erwachsen sind, zum anderen weil Englisch die heutige Weltsprache, die lingua franca, ist.

Weltsprachen: Latein, Französisch, Englisch

Wer dies bedauert, sollte einmal einen historischen Blickwinkel einnehmen: Vor 300 Jahren war Latein die Weltsprache, in der sich die gebildete Wissenschaftswelt verständigte, Bücher wurden fast ausschließlich auf Latein geschrieben, weil sie sonst kaum Publikum gehabt hätten. Und noch vor 120 Jahren war die Sprache des gebildeten Bürgertums die der Diplomaten: Französisch. Bei den urdeutschen Schriftstellern Thomas und Heinrich Mann wimmelt es nur so von so genannten Gallizismen und französisch durchsetzten Dialogen.

Übrigens: Auch Englisch hat sich mit der Entwicklung von IT und Internet stark verändert.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *